25 Jahre LAG Tanz BW - ein gelungenes Fest
Bericht eines Teilnehmers:
Schloss Hersberg bei Immenstaad am Bodensee bot rund 100 Tänzerinnen und
Tänzern vom 1. bis 4. November 2001 gastliche Zimmer, Vollverpflegung und einen
großen Tanzsaal, in dem drei Tage lang Tänze aus aller Welt angeleitet, geübt
und mit wachsender Freude getanzt wurden. Dank einer sorgfältig geplanten
Organisation lief alles wie am Schnürchen, und so tanzten wir – natürlich mit
den erforderlichen Ess- und Ruhepausen – von morgens 9.15 Uhr bis in die Nacht.
Versierte Tanzleiter verstanden es, in kurzer Zeit von leichteren Mitmachtänzen
zu schwierigeren Tanzformen hinzuführen. Auf dieser Tanzreise streiften wir das
reiche Angebot an Tänzen aus Osteuropa, aus dem Balkan und Israel, aus
Westeuropa, speziell England, ferner Tänze aus dem deutschsprachigen Raum,
Tänze aus Nordamerika und schließlich ganz moderne Tanzformen.
Es setzt schon Tanzerfahrung voraus, wenn man sich auf so unterschiedliche
Tanzausprägungen einlässt, ohne frustriert zurückzustehen; die ungewohnte
Fußarbeit bei Balkantänzen mit ihren fremden Rhythmen, das blitzschnelle
Reagieren auf die Anweisungen des „Callers“ bei den amerikanischen Squares, die
Schärfung des Raumgefühls bei Formationstänzen – das alles und noch vieles mehr
erfordert wache Konzentration und Kontrolle über seinen Bewegungsapparat. Trotz
all dieser Tanz-„Arbeit“ kam die Freude nicht zu kurz, vielmehr durchpulste sie
den Tanzsaal von früh bis sehr spät an diesen drei Festtagen.
Eine historische Vertiefung bot uns Jadwiga Novaczek, München, mit einer
„Zeitreise“ vom ausgehenden Mittelalter bis ins 18. Jahrhunder. Sie wählte
exemplarisch die Allemande, einen Prozessionstanz, den wir in zeitlich
verschiedenen Ausformungen tanzten und dabei den Hauch einer vornehm
distanzierten Gesellschaft ahnten. Doch auch fröhliche Elemente lernten wir
kennen und übten uns in Wicklerfiguren, mit mehr oder weniger Erfolg, aber viel
Spaß, wie sie uns analog in alpenländischen „Landlern“ begegnen. Wir merken:
Tanz hat, auf verschlungenen Wegen, voneinander getrennte
Gesellschaftsschichten verbunden und damit bereichert.
Aus der historischen Fremde, die in fünf Anleitungsstunden noch nicht zur
vertrauten Heimat werden kann, gerieten wir am letzten Tag in die unmittelbare
Gegenwart. Fast drei Stunden Nordanerikanische Tänze am Stück wirbelten uns so
richtig durcheinander, gepeitscht von den exakten Kommandos des souveränen,
witzigen Callers.
Die so schon überreiche Palette des Tanzprogramms bekam noch einen lebhaften
Tupfer durch zwei Damen, die ich namentlich erwähnen möchte, aber
stellvertretend für alle andern Referenten dieser Tage: Helga Eppinger, seit
Jahren liegt die Tanzleiterausbildung in ihren Händen, zeigte uns, wie man nach
moderner, spritziger Musik unkonventionell gesellig tanzen kann; und Vera
Weindel-Roth, die Leiterin der LAG Tanz Baden-Württemberg, führte uns zum Teil
ältere Semester in den Modern Dance ein, sonst ein Reservat der ganz Jungen,
und mancher von uns fand Geschmack am Line Dance, Latin Mix und an
Jazzdance-Elementen, wenn auch die Koordination von Händen und Füßen zu
wünschen übrig ließ. Derart aufgeputscht ging es in die Pause vor dem
abendlichen Tanzfest .
Der festliche Jubiläumsabend
Wenn Musiker aus Zürich, die Gruppe „Merákia“, zur Polonaise aufspielen, bleibt
kaum jemand sitzen, und so zogen bald über 60 Paare in Windungen durch den
Saal, sich teilend und wieder findend, zum Knäuel verdichtet, ohne Chaos sich
lösend, schließlich in einem Walzer endend. Prof. Dr. Klaus Kramer, ein Mann
der ersten LAG-Stunde, sprach über die Gründung der LAG Tanz in
Baden-Württemberg, über die notwendige spröde Arbeit, damit eine solche
Organisation, ein eingetragener Verein, sich überhaupt formieren kann. Den
vielen ehrenamtlich Tätigen verdanken wir es, dass der Verein in den 25 Jahren
zu einer lebendigen Gemeinschaft gewachsen ist, dass die Lehrgangsangebote von
anfangs drei im Jahr heute auf über zwanzig gestiegen sind, und dass die
Tanzleiterausbildung in den letzten 15 Jahren rund 200 neue TanzleiterInnen
hervorgebracht hat.
Nach einem reichhaltigen Buffet wurde wieder getanzt, amerikanische und
deutsche Tänze, und es rückte gegen 22 Uhr die Zeit heran für Ehrungen und Dank
im „Jahr des Ehrenamtes“.
In einer kurzen Ansprache ging Johannes Finkous, ein früherer Leiter der LAG,
auf das uralte Phänomen Tanz in der Menschheit ein. Er zog den Bogen von der
Griechischen Antike mit ihrer hohen Tanzkultur zur Gegenwart, wo in unseren
Schulen der Tanz eine spärliche Rolle einnimmt, und er forderte die curriculare
Einbindung des Tanzes in die Fächer Musik und Sport in allen Klassenstufen,
gerade auch im Hinblick auf ein Vertrautwerden mit fremden Kulturen und
Traditionen.
Die Ehrung von etlichen früheren und heutigen Mitarbeitern wurde von Frau
Weindel-Roth zügig vorgenommen. Es war eine stattlich Anzahl, die den Applaus
der Festgäste entgegennehmen konnte. Geehrt wurde auch die jüngste Teilnehmerin
(zehn Jahre) und die älteste, 80-jährige aktive Teilnehmerin an diesem
Jubiläumsfest. Die letzte Ehrung kann stellvertretend für alle langjährigen
verdienstvollen Tanzleiterinnen angesehen werden, insofern die Geehrte, wie ich
erfuhr, vor 65 Jahren (als 15-jähriges Mädchen) ihre erste Tanzgruppe
Gleichaltriger anvertraut bekam, später als Lehrerin in all den Dienstjahren
regelmäßig mit Kindern in der Schule tanzte und heute zwei verschiedene
Tanzgruppen wöchentlich leitet.
Nach der halbstündigen Unterbrechung kamen die Tanzbeine wieder zu ihrem Recht
und entführten uns nach Osteuropa und Israel. Wie schön Balkantänze in Tracht
wirken, erlebten wir durch die Tanzgruppe „Suvalka“ unter Leitung von Klaus
Grimm, Gengenbach, und wir bewunderten die flinken Füße zu den komplizierten
Rhythmen. Mit Tänzen aus Westeuropa näherten wir uns Mitternacht und damit dem
Ende des offiziellen Programms, das uns einen Einblick in die vielfältige
Tanzarbeit innerhalb der LAG Tanz gewährt hatte. Es spricht für die Teilnehmer,
dass sie in einem offenen Tanzen weitermachten und kreuz und quer aus dem
schier unerschöpflichen Tanzrepertoire Vorschläge machten, Wünsche äußerten,
nach knapper Anleitung mittanzten und scheinbar nicht müde wurden unter dem
Lebenselixier Tanz.
Eine kleine Gruppe hatte außerhalb der offiziellen Veranstaltungen zwei
meditative Tänze einstudiert. Sie wurden in der Schlosskapelle beim
sonntäglichen Gottesdienst um den Altar als eine besondere Art von Gebet
getanzt. Tanz und Kult – ein würdiger Abschluss als Dank für das rundum
gelungene Jubiläum!
Text: Johannes Finkous
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